Ehrendoktorin Prof. P. N. Saylaja

Interview mit Professorin Padmavathy Narayanan Sylaja

Geführt von Prof. Claudio Bassetti, Dekan der Medizinischen Fakultät

Sie sind Professorin für Neurologie und Leiterin des Schlaganfallprogramms am renommierten Sree Chitra Tirunal Institute of Medical Sciences and Technology (SCTIMST) in Trivandrum, Kerala. Könnten Sie uns etwas über die Anfänge Ihrer beeindruckenden Karriere in der Neurologie erzählen?

Ich habe meine Facharztausbildung in Neurologie am SCTIMST absolviert. Das SCTIMST ist eines von fünf Instituten von nationaler Bedeutung in Indien, und seine Struktur ist einzigartig im Land.

Der Spital-Flügel ist vollständig der Versorgung von kardiologischen und neurologischen Patientinnen und Patienten gewidmet. Der zweite Flügel befasst sich mit der öffentlichen Gesundheit. Dieser Bereich unterhält auch viele internationale Kooperationen. Der dritte Flügel beinhaltet die Biomedizintechnik. Hier wurden und werden viele biomedizinische Innovationen entwickelt. Ein sehr bekanntes Beispiel ist eine künstliche Herzklappe, die sogenannte Sree-Chitra-Herzklappe, die wesentlich kostengünstiger ist als vergleichbare Produkte und breit eingesetzt wird.

Die Zulassung zur Neurologie-Ausbildung am SCTIMST ist sehr kompetitiv, und ich hatte das Glück, meine Ausbildung dort absolvieren zu können. Erst am SCTIMST lernte ich die medizinische Forschung kennen und sah, wie translationale Forschung und Patientenversorgung Hand in Hand gehen.

Hatten Sie ein Vorbild, das Ihr Interesse an der Neurologie geweckt hat?

Ja, Prof. Kurupath Radhakrishnan, ein international renommierter Epileptologe und Pionier der Epilepsiechirurgie in Indien. Von ihm habe ich viel über translationale medizinische Forschung, Patientenversorgung und auch über die spezialisierte Versorgung in Teilgebieten der Neurologie wie Epilepsie und Schlaganfall gelernt. Nach Abschluss meiner Facharztausbildung wurde mir 1996 eine Stelle als Dozentin im Team von Prof. Kurupath Radhakrishnan angeboten, und ich arbeitete auf dem Gebiet der Epilepsie.

Heute sind Sie eine weltbekannte Schlaganfallspezialistin. Wie kam es dazu, dass Sie sich auf diesen Bereich der Neurologie konzentriert haben?

Als ich meine Festanstellung antrat, gab es am SCTIMST zwar eine Schlaganfallklinik, aber keine Akutversorgung und keine Thrombolyse. Das blieb bis weit in die frühen 2000er-Jahre hinein so.

Im Jahr 2005 ging ich für etwa 20 Monate an die Universität von Calgary für ein Schlaganfall-Stipendium. Dort lernte ich Dr. Andrew Demchuk kennen, meinen inspirierenden Mentor in der Schlaganfallmedizin. Als ich nach dem Stipendium zum SCTIMST zurückkehrte, übernahm ich die Leitung der Schlaganfallstation und lancierte ein umfassendes Schlaganfall-Versorgungsprogramm.

Nach Ihrer Rückkehr nach Indien haben Sie beim Aufbau des Indian Stroke Clinical Trial Network (INSTRuCT Network) mitgewirkt und leiten es seitdem als Co-Principal Investigator. Das Netzwerk widmet sich der Durchführung randomisierter klinischer Studien und ist im asiatischen Raum einzigartig. Was hat Sie dazu motiviert, das Netzwerk zu gründen?

Bis weit in die 2000er-Jahre hinein führte Indien keine eigenen klinischen Studien zu in Indien entwickelten Therapien durch. Indien beteiligte sich lediglich an internationalen Studien.

An der Universität von Calgary lernte ich, was es braucht, um klinische Studien durchzuführen. So entstand die Idee für das Netzwerk. Zusammen mit Dr. Jeyaraj Pandian vom Christian Medical College in Punjab gründeten wir das INSTRUCT-Netzwerk, das vom Indian Council of Medical Research finanziert wird. Wir kannten uns schon seit unserer Assistenzzeit. Unser Institut war das südindische Koordinationszentrum für das INSTRUCT-Netzwerk.

Ich bin stolz, sagen zu können, dass das Netzwerk mittlerweile über 50 Zentren umfasst. Die Zusammenarbeit innerhalb des Netzwerks ist hervorragend, und wir generieren qualitativ hochwertige Daten. Wir haben die Möglichkeit, unsere Forschungsergebnisse in den Plenar-Sessions grosser internationaler Kongresse vorzustellen. Es hat viel Mühe gekostet, das Netzwerk an diesen Punkt zu bringen. Wir sind sehr stolz darauf, wie sich das Netzwerk entwickelt hat und wo wir heute stehen.

Unser Ziel war es schon immer, klinische Studien durchzuführen, die für Indien wirklich einen Unterschied machen. Ein Meilenstein in dieser Hinsicht war die RESTORE-Studie, die erste grosse randomisierte klinische Studie zur Untersuchung traditioneller ayurvedischer Rehabilitationsbehandlungen bei Schlaganfallpatientinnen und -patienten. Die Studie hat gezeigt, dass die ayurvedische Therapie sicher, aber der konventionellen Physiotherapie nicht überlegen ist – eine wichtige Erkenntnis angesichts der grossen Bedeutung von Ayurveda in Indien und darüber hinaus.

Was sind die aktuellen Herausforderungen bei der Versorgung von Schlaganfallpatienten in Indien?

Eine grosse Herausforderung besteht darin, dass wir in Indien mehr Schlaganfallzentren benötigen, um die hohe Zahl an Schlaganfällen bewältigen zu können. Seit über 10 Jahren schulen wir Grundversorger und -versorgerinnen sowie Pflegekräfte in der Erstversorgung von Schlaganfallpatientinnen und -patienten. Ich wurde von der Regierung zur technischen Beraterin für Schlaganfälle ernannt und konnte mithelfen, in meinem Bundesstaat Kerala 10 Stationen für die Schlaganfall-Erstversorgung in Bezirksspitälern einzurichten. Weitere grosse Herausforderungen sind die Kosten der akuten Schlaganfallversorgung und die sehr begrenzte Verfügbarkeit der mechanischen Thrombektomie. Die zunehmende Belastung durch Risikofaktoren und das junge Alter vieler Schlaganfallpatientinnen und -patienten stellen ebenfalls grosse Herausforderungen dar. Darum müssen wir uns auf die Primärprävention konzentrieren.

Sie sind nicht nur eine führende Forscherin auf dem Gebiet der Schlaganfallprävention und -behandlung, sondern auch eine hoch angesehene Mentorin. Welchen Rat geben Sie der nächsten Generation von Forschenden?

Drei Dinge sind mir besonders wichtig. Erstens bin ich überzeugt, dass exzellente klinische Fähigkeiten unerlässlich sind, um gute klinische Forschung zu machen. Eine breit gefächerte fachliche Ausbildung und praktische Erfahrung in der Arbeit mit Patientinnen und Patienten sind enorm wichtig. Mein zweiter Ratschlag lautet: Publizieren! Unzählige spannende Studien bleiben unbekannt, weil sich die verantwortlichen Personen neben ihrer klinischen Tätigkeit nicht die Zeit nehmen, ihre wissenschaftliche Arbeit zu veröffentlichen. Drittens ermutige ich meine jungen Kolleginnen und Kollegen immer, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Mein Aufenthalt an der Universität von Calgary von 2005 bis 2006 war ungemein wertvoll und entscheidend für meine Karriere.

Prof. Sylaja, vielen Dank für dieses Gespräch und herzliche Gratulation zu Ihrer Ehrendoktorwürde.