Interview mit Professor Emerita Franziska Tschan Semmer
Geführt von Prof. Claudio Bassetti, Dekan der Medizinischen Fakultät
Wenn Sie auf den Beginn Ihrer akademischen Laufbahn zurückblicken: Was war der ausschlaggebende Faktor bei der Wahl Ihres Forschungsgebiets?
Diese Entscheidung wurde stark von Mario von Cranach beeinflusst, der von 1971 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1996 Professor für Psychologie an der Universität Bern war. Eigentlich wollte ich ursprünglich Kindertherapeutin werden. Doch am Rande eines Seminars in Grindelwald, das ich gegen Ende meines Studiums besuchte, führte ich mit Mario von Cranach ein sehr inspirierendes Gespräch über Gruppen. Da wurde mir klar, dass ich mich den Rest meines Lebens diesem Thema widmen möchte.
Meine Faszination für die Gruppenforschung wurde sowohl durch Mario von Cranach als Person als auch durch seine Theorie geweckt. Sein Ansatz, Gruppen als „handelnde und informationsverarbeitende Einheiten“ zu betrachten, stammte aus der Systemtheorie und war damals völlig neu. Heute, viele Jahre später, ist dieser Ansatz relativ weit verbreitet.
Was hat Sie dazu bewogen, Gruppen in der Medizin zu untersuchen?
Als ich 1995 an die Universität Neuenburg berufen wurde, wechselte ich von der Sozialpsychologie zur Arbeits- und Organisationspsychologie. Ich fragte mich: Wo finde ich Gruppen von Menschen, die zusammenarbeiten müssen, und zwar alle gemeinsam in einem Raum? Eine weitere Anforderung war, dass eine beobachtende Person vor Ort sein kann und in der Lage ist, alles, was aus psychologischer Sicht relevant sein könnte, kontinuierlich zu erfassen.
So kam ich zur Medizin und suchte die Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Basel. Dort leitete Prof. Marsch damals die Intensivstation und führte Simulationen durch. Ich nahm Kontakt zu ihm auf, und seitdem arbeiten wir zusammen. Im Laufe der Jahre haben meine Forschungsgruppe und ich viele Simulationsvideos analysiert, zum Beispiel zum Thema Reanimation.
Wie fanden Sie schliesslich den Weg in den Operationssaal?
Der Operationssaal hat mich gefunden! Guido Beldi und Daniel Candinas von der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital hatten einen Zusammenhang zwischen postoperativen Komplikationen und dem Gruppenverhalten in ihrem Operationssaal festgestellt und wollten diesen weiter untersuchen. Deshalb kontaktierten sie einen Kollegen von mir, der wiederum mich und meinen Mann Norbert Semmer von der Universität Bern kontaktierte, da er wusste, dass ich bereits auf diesem Gebiet tätig war. So kam es um das Jahr 2008 zur Zusammenarbeit mit Guido Beldi.
Dass sich Ärzte an eine Psychologin wandten, war damals wirklich bemerkenswert. Solche Interaktionen waren damals selten. Heute ist die Zusammenarbeit zwischen Medizin und Psychologie viel verbreiteter.
Inwieweit lassen sich Beobachtungen und Erkenntnisse aus dem Operationssaal auf andere Gruppensituationen übertragen?
Jede Situation erfordert eine spezifische Lösung. Die Interaktion im OP wird stark von der OP-Umgebung beeinflusst. Deshalb ist es unerlässlich, die jeweilige Situation genau zu untersuchen und Fragen zu stellen wie: Welche Anforderungen werden an die Kommunikation gestellt? An welchen Punkten sind Koordination oder Teamarbeit wichtig? Wann kommen die Teammitglieder zusammen und was sollte dann besprochen werden?
Darum lautet die allgemeine Schlussfolgerung, dass es keine Einheitslösung für alle Gruppensituationen gibt. Es gibt jedoch sicherlich wichtige Grundsätze, die allgemein nützlich und sogar unverzichtbar sind.
Können Sie Beispiele für solche Grundsätze nennen?
Ich möchte drei Beispiele nennen. Der erste Grundsatz lässt sich mit den Fachbegriffen „situational awareness“ oder „shared mental model“ bezeichnen. Bei der Zusammenarbeit ist es wichtig, dass alle auf dem gleichen Stand sind. Da die medizinische Versorgung eine interprofessionelle Zusammenarbeit beinhaltet, kann dies recht schwierig zu erreichen sein. Es erfordert Training, Zeit und Kommunikation. Das gilt jedoch für jede Art von Teamarbeit.
Der zweite Grundsatz besteht darin, diejenigen Punkte in der Zusammenarbeit zu identifizieren, an denen Kommunikation besonders wichtig ist, und sich an diesen Punkten die Zeit zu nehmen, um Informationen auszutauschen. Wir haben im OP das „StOP?-Protokoll“ eingeführt, das wir aus unserer früheren Forschung entwickelt haben. Wir konnten damit einen positiven Effekt auf die Sterblichkeit nachweisen. Eine zweite Studie steht kurz vor dem Abschluss.
„StOP?“ steht für die englischen Begriffe status, objectives, problems, zu Deutsch Status, Ziele und Probleme. Das Fragezeichen bedeutet „um Beiträge bitten“. Das StOP?-Protokoll ist eine kurze, 30 bis 90 Sekunden dauernde Besprechung, die Chirurginnen und Chirurgen während der Operation durchführen. Sie halten kurz inne, um das Team auf den neuesten Stand zu bringen. Neben diesem informativen Aspekt gibt es auch einen sozialen Aspekt. Die Chirurginnen und Chirurgen fragen zudem, ob jemand anderes etwas beizutragen oder offene Fragen hat.
Das dritte übertragbare Prinzip ist, dass die Teammitglieder einander mit Respekt begegnen. Wir haben untersucht, wann und vor allem warum es im Operationssaal zu Spannungen im zwischenmenschlichen Umgang kommt. In den meisten Fällen wurde dies durch Koordinationsprobleme verursacht. Diese Probleme erzeugten Stress und wurden oft nicht ausreichend besprochen. Doch dem kann man entgegenwirken.
Sie sind seit August 2020 emeritiert. Wenn Sie auf Ihre akademische Laufbahn zurückblicken, wofür sind Sie besonders dankbar?
Dafür, dass ich die Gelegenheit hatte, Einblicke in so viele verschiedene Arbeitsbereiche zu gewinnen. Ich fand sie alle faszinierend, aber der Operationssaal hat mich besonders beeindruckt. Ich freue mich besonders, dass wir unsere Forschung in so vielen Spitälern durchführen konnten. Ich war bei mehreren hundert Operationen dabei! Eine solche Akzeptanz ist nicht selbstverständlich. Mir persönlich wäre es ein wenig unangenehm, wenn mir jemand den ganzen Tag bei der Arbeit zuschauen und genau aufschreiben würde, was ich tue.
Einblick in so viele unterschiedliche Arbeitsumgebungen zu erhalten, war einer der bereicherndsten Aspekte meiner Laufbahn als Arbeitspsychologin. Ob in Operationssälen oder industriellen Produktionsstätten – ich fand es unglaublich spannend, Arbeitsstätten zu erkunden, die ich sonst niemals hätte besuchen können.
Prof. Tschan Semmer, vielen Dank für das Gespräch und herzliche Gratulation zu Ihrer Ehrendoktorwürde.